Dr. Müller und ich

Früher hätte ich Präservative mitgenommen auf solche Reisen. Also ganz früher nicht, denn ich wurde sexuell noch im Prägummikum sozialisiert. Doch im etwas späteren Früher, in dem es nicht mehr so risikoarm war, sich auf eine Beiläufigkeit im Wortsinn einzulassen, da dann schon. Im noch späteren Früher dann wieder nicht mehr, weil es zum Taubenfüttern auch ein Wollhauberl tat. Wie auch immer: Heute nehme ich auf meine Reisen Dr. Müller mit. Speziell, wenn es nach Berlin geht.

Denn Berlin ist, was uns immer bleiben wird, Dr. Müller und mir. Unser Paris quasi. Er, dieser gute Zuhörer, könnte sogar – sofern Sam es noch einmal spielen würde – „As time goes by“ originalgetreu wiedergeben. Das hat er drauf. Er merkt sich nämlich alles.

Umso anachronistischer erscheint es, dass unsere Beziehung vor nunmehr auch schon wieder sechs Jahren meiner Vergesslichkeit entsprang. Dem „morbus adapteris“, um präziser zu formulieren. Diese Krankheit hat den immer selben Verlauf. Ich erwerbe am Flughafen einen Adapter, wenn ich eine Reise tue. Den bringe ich dann entweder wieder mit nach Hause oder lasse ihn in der Steckdose irgendeines Hotelzimmers irgendwo auf diesem Planeten stecken. Das Resultat ist in beiden Fällen dasselbe: Ich erwerbe am Flughafen einen Adapter, wenn ich wieder eine Reise tue. Denn entweder steckt der davor gekaufte noch in irgendeiner Steckdose irgendwo auf diesem Planeten, oder er fadisiert sich daheim mit den vielen anderen, die ich regelmäßig vergesse, wenn ich eine Reise tue.

Der „morbus adapteris“ ist übrigens dem „morbus ladegeraetiensis“ artverwandt. Aber Hauptsache, man hat stets ausreichend Sportsachen eingepackt für die Verwendung im Fitnessraum des Hotels, den man wie immer nie kennenlernt. Wodurch man Sportsachen selten waschen, sondern nach dem Auspacken nur wieder notdürftig entknittern muss.

Aber ich schweife ab. Es war wie gesagt vor sechs Jahren, als ich Dr. Müller in einem großen Berliner Kaufhaus – ja genau, in diesem – zum ersten Mal sah und im Moment wusste, dass wir fürderhin zusammengehören würden. Seine Vorgänger lagen daheim bei den Adaptern und Ladegeräten, aber er war ohnehin anders als alle, mit denen ich mich vor ihm eingelassen hatte. Der Mann in der Elektroabteilung erzählte mir, Dr. Müller, der damals noch keinen Namen hatte, könnte das, was man ihm erzählte, selbständig über eine Kabelverbindung in ein Word-Dokument auf dem Computer übersetzen. Zauber-Software quasi. Ich zauderte keine Sekunde, nahm ihn mit und taufte ihn. Wäre er ein Diktiergerät gewesen wie die anderen auch, hätte er Herr Müller geheißen. Angesichts der verheißenen besonderen Fähigkeiten erschien mir Dr. Müller jedoch mehr als angebracht.

Bei seinem ersten großen Einsatz war ich entspannt wie selten zuvor. Es war ein längeres Interview mit einem bekannten deutschen Liedermacher und ich wollte gar nicht mehr aufhören zu fragen, weil ich sicher war, dass Dr. Müller das Transkribieren übernehmen würde. Ich habe eine naive Gläubigkeit technischen Dingen gegenüber, weil ich nicht in der Lage bin, sie zu verstehen.

Jedoch: Dr. Müller transkribierte nicht wie verheißen. Das dritte Wort aus dem Mund des Interviewten war „Mozart“ gewesen – und Dr. Müller schrieb „Mietzins“ in den Computer. Also tippte ich das Gesprochene letztlich doch wieder selbst ab wie bei allen Vorgängern mit gewöhnlicher Diktiergeräteausbildung und war kurz versucht, den, der mich zu dieser Arbeit genötigt hatte, zum „Herrn Müller“ herabzustufen. Dann aber fiel mir ein, dass Dr. Müller unter den Akademikern, die ich kenne, fürwahr nicht der größte Depp ist und ich ließ ihm seinen Titel.

Außerdem fühlte ich mich nicht frei von Schuld. Denn als ich ihn erwarb, war in der Schachtel auch ein hässliches, schaumstoffartiges Mikrofonpräservativ, das ich unverzüglich wegwarf. Auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist, besteht eine minimale Restmöglichkeit, dass Dr. Müllers sprachlicher Hänger das Resultat eines mir anzulastenden ungeschützten Gesprächsverkehrs war.

Aber wir reden nicht mehr darüber, Dr. Müller und ich. Schon gar nicht in Berlin.